Der nackte Körper interessiert mich seit je her.

Nicht als erotisches Objekt, sondern als Gefäß für das Essenzielle, obwohl auch die Hinterfragung von Erotik und Schaulust in meinen Arbeiten eine Rolle spielt.

Der Körper ist das Behältnis für das, was uns Menschen wesenhaft ausmacht.

Er ist das Gewand, das die Seele umhüllt.


„Bitter with the sweet“ thematisiert für mich Ambivalenz:


Der Körper ist einerseits ein Geschenk, weil er uns den Aufenthalt auf diesem Planeten ermöglicht, aber gleichzeitig kann er eine Bürde sein, weil er die Seele ins Leben zwingt und sie aufgrund seiner manifesten Gestalt, einengt.

Er presst sie in Geschlechter und Rollen, in gesellschaftliche Zuschreibungen und Ordnungen.

Der Körper bestimmt grundlegend, ob wir sportlich oder unsportlich, schön oder nicht schön, dick oder dünn, hoch- oder minderbegabt in diese Welt geworfen werden.

Letztlich bestimmt auch der Umstand, in welchen Körper wir hinein geboren werden, die wirtschaftliche Situation,

mit der wir ins Leben starten.

Der Körper ist uns gegeben.

Ob wir wollen oder nicht.

Ob wir ihn so-wie-er-ist wollen oder nicht.


Er ist eine Ansammlung von Zellen, eine biochemische Masse, ein hochkomplexes System aus Atomen und Molekülen,

die in ständiger Interaktion stehen und seine genetische Ausstattung bildet mitunter die Basis für unsere physischen Möglichkeiten.

Er ist der Erfahrungsraum für das Leben, das ihn bewohnt.

Dieses Leben aber ist weit mehr als die Summe der Zellen des Körpers.


„Bitter with the sweet“ ist in einer Zeit entstanden, in der mein Körper mich einmal mehr die Fragilität und Vergänglichkeit des Lebens, gesellschaftliche Enge und die Beschränktheit der gesellschaftlichen Normen hat spüren lassen.

Als Autistin mit ADHS bin ich gefühlt zeit meines Lebens an den gesellschaftlichen Werten und Normen gescheitert.

2020 war für mich die Zeit, in der ich außerdem realisieren musste, dass Altern unweigerlich passiert.
Dass offensichtlich meine letzten Eizellen verbraucht waren und ich mich nicht nur mit der Zykluslosigkeit,sondern auch mit den tiefgreifenden Veränderungen meines Körpers und der zusätzlichen und neuen Verletzlichkeit, die die Perimenopause, gefolgt von der Postmenopause gnadenlos mit sich bringt, auseinandersetzen musste.


Und das, wo ich eben erst beschlossen hatte, meinen Brotberuf aufzugeben, um mich endlich und ausschließlich der Malerei,

der Liebe meines Lebens, zu widmen.

Einmal mehr musste ich mich mit Norm-Bereichen und -werten versus Wohlfühl-Bereichen und -werten befassen.

Einmal mehr musste ich den Mut und die Kraft aufbringen, die Norm zu hinterfragen,

um mich auf die Suche nach meinen eigenen Antworten zu machen.


Das Bild verhandelt ebenso die unbedingte Erfahrung, dass die Süße des Lebens den Schmerz der Vergänglichkeit in sich trägt

und dass das Leben erst in der Abschiedlichkeit seine unbedingte Lebendigkeit entfaltet.

Sei es der Abschied von der Jugend, von Menschen, Hoffnungen, Wünschen oder der Vorstellung so oder so zu sein,

dieses oder jenes darzustellen, erreichen oder haben zu wollen.

Letztlich denke ich, dass der Abschied vom Wollen an und für sich, jene bittersüße Erfahrung ist, die neue Möglichkeiten bringt.


Rückblickend sehe ich, dass während des Entstehungsprozesses dieser Arbeit - die Erkenntnis, dass Anfang und Ende, Gesundheit und Krankheit, Liebe und Hass, Leichtigkeit und Schwere, Schönheit und Makel untrennbar miteinander verwoben sind - sich in gelebtes Leben gewandelt hat.

In mein gelebtes Leben.

Jeder Pinselstrich erzählt von dieser Verwobenheit und all ihren widersprüchlichen Facetten.

Endlich habe ich verstanden, dass die Vollkommenheit tatsächlich in der Unvollkommenheit verborgen und aufgehoben ist.

Was nicht bedeutet, dass ich okay damit bin.


Bitterkeit ist daher kein Gegenpol zur Süße, sondern ihre Begleiterin.
Bitterkeit entwickelt sich aus Erinnerungen, Erfahrungen und Erkenntnissen.

Sie entfaltet sich aus der Süße, die ihre Unschuld verloren hat.

Sie ist gewandelte Naivität und wächst aus dem Wissen um Verletzlichkeit, Verlust und Abhängigkeit.
Das Bild ist in einem Zeitraum des Wandels und des Widerstands, gegen eben diesen Wandel, entstanden.
Es erzählt auch vom Aushalten dieser Ambivalenz:

Es geht darum, das Dazwischen zu bewohnen.


Bitterkeit ist so gesehen kein Verdruss, sondern eine Ergänzung, die die Süße intensiver machen kann.
Und die vermutlich auch beim Verdauen der Süße hilft, so wie Bitterstoffe eben auch der Leber helfen.