Spiritualität

„Es ist, was es ist, sagt die Liebe.“

 

Erich Fried


 

Spiritualität verstehe ich als etwas sehr Individuelles, Intimes und als eine Haltung dem Leben gegenüber. Im Laufe des Studienlehrganges an der Donau Universität Krems habe ich Spiritualität als eine sinnstiftende Ressource erkannt, als gelebte, gestaltende Beziehung zu dem, was in und um uns ist. Es hat sich gezeigt, dass Spiritualität im Wesentlichen als ein ganzheitliches Lebensgefühl das von Verbundenheit, Vertrauen und Sinnhaftigkeit getragen ist definiert werden kann.

 

Tatjana Schnell hat 26 sinnstiftende Lebensbedeutungen benannt, wovon eine Spiritualität,"die Orientierung an anderer Wirklichkeit und Schicksalsglaube" ist (Schnell).

 

Schnell´s Minimaldefinition von Spiritualität:

 

- Subjektiv gestalteter, aktiver Bezug zu einer übergeordneten Wirklichkeit

- Wird über persönliche Erfahrungen validiert (als ‚richtig‘ erlebt)

- Kann immanent (horizontal) oder transzendent (vertikal) orientiert sein“ (Schnell, 2013, 19).

 

Spiritualitäten im Sinne von individuellen Bezügen, Ausdrucksformen und Orientierungen gibt es daher vermutlich soviele wie es Menschen gibt. Die Ausgestaltung von Spiritualität ist immer einzigartig, da jeder Mensch sich durch sein besonderes Wesen, sein `höheres´ Selbst auszeichnet sowie durch seine Lebens- und Erfahrungsgeschichte und auch durch seine jeweilige spirituelle Biografie geprägt ist.

 

Mit Spiritualität meine ich nicht Religiosität. Spiritualität und Religiosität können miteinander zu tun haben, müssen aber nicht miteinander verbunden sein. Spiritualität kann ganz unabhängig von Religion gelebt werden.

Spiritualität kann als eine Dimension des Menschseins verstanden werden. Karl Baier versteht Spiritualität unter anderem als „Wegkultur“: Spiritualität umfasst die Wege, auf denen man zu Letzteinsichten gelangt und die durch spirituelle Krisen und deren Bewältigung gekennzeichnet sind (vgl. Baier, 2006: 39f -> Quellennachweis siehe Textende).

Als Künstlerin und Kunsttherapeutin verstehe ich den Menschen als ein zutiefst schöpferisches Wesen. Leben ist Wandel und Wandel bedeutet Krise.
Und: Gestaltungskraft. Denn in Krisen ist auch immer das entscheidende und hoffnungsfrohe Element des Wandels verborgen. Eine kreative sowie spirituelle Lebenseinstellung basiert auf der Überzeugung, das eigene Leben auch in Krisen bewältigen und aktiv gestalten zu können. Spiritualität aus kunsttherapeutischer Perspektive birgt das Vertrauen, dass alles was man braucht um das eigene Leben gestalten zu können, vorhanden ist.

Joseph Beuys, Künstler und Kunst-Professor (1921-1986) hat seinerzeit den Begriff der „inneren Werdegestalt“ formuliert. Aus dem heraus hat der Mensch die Kraft, den Sterbeprozess (sinnbildlich für Entwicklung und Wandlung) zu überwinden und Selbstverwirklichung zu leben und zu gestalten. Gestaltungsprozessen liegt erfahrungsgemäß ein Wandlungs- und Transformationspotential zugrunde – sie sind Wandel per se, wie Beuys immer wieder hervorgehoben und damit die spirituelle Dimension von Kunst und Leben angesprochen hat.

 

 

Zu meiner Masterarbeit:

 

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“
Friedrich Nietzsche

 

 

Das Thema der vorliegenden Arbeit bildet die Kunsttherapie als spiritueller Möglichkeitsraum. Kunsttherapie, wie sie im Folgenden verstanden und beschrieben wird, setzt am Wesen der Kunst an. KunsttherapeutInnen sind als KünstlerInnen ExpertInnen darin, mit dem schöpferischen Chaos in Begegnung zu gehen und bringen gleichzeitig therapeutisches Know-how mit, das eine empathische, reflektierte und professionelle Beziehungsgestaltung ermöglicht.

 

Fragestellung dieser Masterarbeit ist, ob und wie sich durch Kunsttherapie ein spiritueller Raum und eine spirituelle Dimension öffnen lassen. Vertiefend wird erarbeitet, wie zunächst „implizit“1 oder „explizit“2 vorhandene Spiritualität durch kunsttherapeutische Begleitung weiter zu einer „Spiritualität höherer Ordnung“3 (Weiher, 2014:142) erschlossen werden kann.

 

 

1„Implizite“ Spiritualität ist im Alltag, in Handlungen, in Aussagen, in Momenten und Begegnungen `einfach so´ enthalten.

2„Explizite“ Spiritualität wird ausdrücklich benannt und in klarer Weise ausgeführt.

3`Spiritualität höherer Ordnung´ bezieht sich auf einen größeren Gesamtzusammenhang, der die Gesetzmäßigkeiten und Geschehnisse auf unserer Erde überschreitet.

 

Es geht dabei nicht um Religion, sondern vielmehr um überreligiöse Zugänge zu Spiritualität und einem ganzheitlichen Lebensgefühl. Es wird die Frage untersucht, wie der Mensch durch Kunsttherapie mit seinem Seelenleben, der Um- und Mitwelt und darüber hinaus mit einem größeren Gesamtzusammenhang, der Gesetzmäßigkeiten und Geschehen auf dieser Erde überschreitet, in stimmiger Weise spürbar in Verbindung gelangen kann.

 

Die Kunst öffnet dem Menschen seit jeher Räume, die es ermöglichen, sowohl mit der Schönheit als auch mit dem Schrecken des Lebens schöpferisch, ästhetisch und konstruktiv umzugehen. Gestaltungen, egal was und wie gestaltet wird, bergen immer die Möglichkeit Ausdruck und Eindruck zu gewinnen.

Gestaltungsprozesse sind Transformationsprozesse und ermöglichen mit Themen des Sterbens und Werdens Umgang zu finden. Veränderungen und Lebensübergänge stellen immer auch spirituelle Krisen dar, da sie den Menschen in seiner Gesamtheit betreffen.

 

Die Teilnahme am Universitätslehrgang „Spirituelle Begleitung in der globalisierten Gesellschaft“ sollte meine kunsttherapeutische Begleitkompetenz erweitern. Während des Studiums an der Donau Universität Krems bin ich jedoch mit neuem Verständnis zur Kunsttherapie zurück gekehrt. Ich bin gleichsam „nach Hause“ gekommen, wacher dafür, welche Räume Kunsttherapie öffnen kann, und mit einem neuen, vertieften Selbstverständnis als Kunsttherapeutin. Meine Begeisterung, über die Möglichkeiten der Kunsttherapie spirituelle Räume zu öffnen, hat den Wunsch geweckt, mich in der Masterarbeit mit der Kunsttherapie als spirituellem Möglichkeitsraum zu befassen.

 

 

 

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Baier Karl, Unterwegs zu einem anthropologischen Begriff der Spiritualität, In: Spiritualität und moderne Lebenswelt, Baier Karl, Sinkovits Josef (Hrsg.) Austria: Forschung und Wissenschaft, THEOLOGIE, Band 2, Wien-Berlin, LIT VERLAG GmbH&Co.KG, 2006: 21.

 

 

Schnell (2013) Lehrgang „Spirituelle Begleitung in der globalisierten Gesellschaft“ Vortrag am 08.03.2013, „Spiritualität und Persönlichkeitsentwicklung aus psychologischer Sicht.“